Miteinander Reden für Goofy

Vorbemerkung: Wir wissen, dass Goofys Geschichte sehr stark emotionalisieren kann. Bitte bleiben Sie aber trotzdem stets freundlich und sachlich in Ihrer Kommunikation.

Nach der Fridays for Goofy Demo im Dezember 2020 entwickelte sich ein Dialog zwischen Walddörfer Gymnasium und Erdlingshof mit dem Ziel, die unterschiedlichen Perspektiven in einem schriftlichen Streitgespräch zu veröffentlichen. Mit der final abgestimmten Version ist die Schule nun jedoch nicht mehr glücklich und hat ihre Antworten zurückgezogen. Der Erdlingshof stellt sich der vom Walddörfer Gymnasium gegen ihn gerichteten Kritik, indem er das Streitgespräch sowie ein kurzes Fazit ohne die Antworten der Schule veröffentlicht.

Warum kritisiert der Erdlingshof e. V. das Schulprojekt mit Rind Goofy?

“Wollen wir Goofy töten? Dürfen wir Goofy töten?” Zumindest eine Pluralität an Perspektiven hätte es in Hinblick auf das Rind Goofy geben sollen, findet der Erdlingshof. Er kritisiert, dass Goofys Tötung innerhalb des Schulprojekts zu keinem Zeitpunkt verhandelbar war. Dem Erdlingshof ist es wichtig zu vermitteln, dass wir in eine Gesellschaft hineingeboren werden, die das Töten und Verzehren von Tieren als vollkommen normal betrachtet. Insofern bewertet er es als problematisch, wenn junge Menschen dahin gebracht werden zu glauben, die Tötung eines Tieres akzeptieren zu müssen, um ihren Konsum zu rechtfertigen und ihre Konsequenz unter Beweis zu stellen. Er kritisiert, dass mit der Bullerbü-Atmosphäre im Museumsdorf das reale Leid der Tiere in den Mastbetrieben und Schlachthöfen elegant ausgeblendet und stattdessen eine Utopie von vermeintlich glücklichen Tieren als Vorform zu unserem Essen geschaffen wurde.

1. Herr Mehnert, Sie sind Lehrer am Walddörfer-Gymnasium in Hamburg und zusammen mit Ihrer Kollegin Frau Dammann Projektleiter des “Goofy-Projekts”, über das Ende des letzten Jahres in ganz Deutschland diskutiert wurde. Was ist daran pädagogisch wertvoll, zusammen mit Schüler:innen ein Kalb aus dem Zillertal erst zu retten, um es dann eineinhalb Jahre später töten zu lassen?

2. Herr Mehnert, Wie aber können verantwortliche Pädagog:innen einen solchen Handlungsrahmen akzeptieren, bei dem am Ende Blut fließt? Warum war der Lebenshof nicht von Beginn an eine Option?

3. Herr Thun, Sie sind Pressesprecher des Erdlingshofs. Sie haben die Goofy-Klasse über einen Zeitraum von 12 Monaten immer wieder zu einem Dialog eingeladen, Ideen für eine Kooperation eingebracht und Goofy auf dem Erdlingshof ein neues Zuhause angeboten. Gefallen Sie sich in der Retterpose?

Zunächst einmal finden wir es beeindruckend und wertvoll, welche Erfahrungen die Schüler:innen in der Fürsorge für Goofy machen konnten. Wir denken ebenso wie die Schüler:innen, dass es ganz wichtig ist für uns als Gesellschaft, unsere Entfremdung zu den Tieren zu überwinden. Und ich stimme Herrn Mehnert zu: wäre Goofy direkt zum Erdlingshof gekommen, hätte sich keine so authentische und verantwortungsvolle emotionale Beziehung zwischen den Schüler:innen und Goofy entwickeln können. Weshalb im Rahmen eines pädagogischen Bildungsprojekts zum Ende hin jedoch unverhandelbar die Schlachtung vollzogen werden sollte, obwohl zahlreiche Lebenshöfe Goofy ein sicheres Zuhause bis zu seinem natürlichen Lebensende angeboten hatten, das hat sich uns nicht erschlossen.

Wir vom Erdlingshof wünschen uns eine Gesellschaft, in der es gar nicht mehr notwendig ist, dass Tiere vor menschlichen Bedrohungen, Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten beschützt und gerettet werden müssen. Wir wünschen uns eine Gesellschaft, in der es selbstverständlich geworden ist, dass wir Tieren nicht länger Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen, um sie für unsere Nahrung, Kleidung und Unterhaltung auszubeuten. So, wie Herr Mehnert die Entwicklung des Projekts darstellt, erinnert mich das an den sehr frechen und satirischen Beitrag aus der Taz: Goofy – Ein Weihnachtsmärchen. Wir sind aber natürlich überzeugt, dass die Schüler:innen in Goofy nicht zuerst einen leckeren Rinderbraten gesehen haben, sondern ein liebenswertes, zutrauliches und empfindsames Lebewesen, das sie beschützen wollten. Als wir von Goofys Geschichte erfahren haben, hat es uns vom Erdlingshof deshalb sehr weh getan, auf dem Blog der Schule zu lesen:

“Über die erste Verliebtheit und den natürlichen, aber aus landwirtschaftlicher Sicht vielleicht auch etwas naiven Impuls, das Tier retten zu wollen, wachsen die Neuntklässler*innen hinaus zu einem reflektierten und wertschätzenden Umgang mit einem Nutztier, das Goofy bei aller Liebe, die ihm begegnet, auch bleibt.”

Auch in der Pressemitteilung des Schulleiters zum Abbruch des Projekts hieß es noch:

“Der anfängliche Impuls, das Tier retten zu wollen, wich sehr schnell der realistischen Einsicht, in Kooperation mit dem landwirtschaftlichen Betrieb des Museumsdorf Volksdorf eine zeitlich befristete Verlängerung eines möglichst artgerechten Lebens bis zu einer Schlachtung zu erreichen.”

Wir finden es weder naiv noch unrealistisch, einem fühlenden Lebewesen, dessen Leben bedroht ist, helfen zu wollen. Wir finden, dass sich dieser wunderschöne, liebevolle und kostbare Wunsch ganz natürlich in uns entwickelt, wenn wir in wirklicher Verbindung mit einem Gegenüber sind und uns für ihn oder sie nur das Beste wünschen.

4. Herr Thun, ist es politisch verantwortlich, wenn außerschulische Interessengruppen in Deutschland versuchen, mit Kampagnen und Mahnwachen auf die inhaltliche Gestaltung von Unterricht an Schulen Einfluss zu nehmen? 

Der Erdlingshof ist ein gemeinnütziger Verein und ebenfalls eine Bildungsstätte. Uns gegen das Töten auszusprechen und für einen respektvollen und friedlichen Umgang mit Tieren zu werben finden wir selbstverständlich politisch verantwortlich. Wir machen auch immer wieder die Erfahrung, dass junge Menschen sehr viel offener und beweglicher im Denken sind als Erwachsene, wenn es um die Frage geht, ob für unsere Gesellschaft nicht auch eine Ernährung ohne Tierleid denkbar wäre. Wir waren wirklich begeistert, als wir vom Goofy-Projekt gehört haben: zunächst einmal die überzeugte Tatkraft der Schüler:innen, aber auch, dass Schule und Museumsdorf den Raum geboten haben, dieses Projekt tatsächlich zu ermöglichen. Nach dem Beutelsbacher Konsens sollen junge Menschen im schulischen Rahmen aber ganz unterschiedliche Perspektiven kennenlernen, um sich selber eine Meinung bilden zu können. Themen im Unterricht sollen kontrovers dargestellt und diskutiert werden können.

5. Herr Thun, der Beutelsbacher Konsens richtet sich aber an Lehrer. 

Richtig. Und daher hätten wir es angemessen gefunden, wenn die Klasse sich Goofy in einer Haltung der fragenden Neugier genähert hätte und nicht bereits mit dem vorgefassten Urteil im Kopf: “Du bist ein Nutztier! Du wirst zu Fleischwurst verarbeitet!” Die für uns ganz wichtigen Fragen in diesem Projekt hätten gelautet: “Dürfen wir Goofy töten? Wollen wir Goofy töten?” Zumal ja auch immer mehr Menschen in unserer Gesellschaft sich vegetarisch und vegan ernähren und immer stärker die Frage diskutiert wird, mit welchem Recht wir überhaupt Tieren all die schlimmen Grausamkeiten antun, die sie tagtäglich erfahren.

Aus unserer Sicht hatte Goofy keine:n Fürsprecher:in, keine:n Verteidiger:in. Unsere Mails an die Schule waren von der Absicht geleitet, wenigstens ein Kräftegleichgewicht herzustellen. Man könnte sagen, das Todesurteil für Goofy stand bereits fest, ohne dass eine Verhandlung stattgefunden hätte. Wir hätten es sehr wichtig gefunden, dass wir zumindest die Möglichkeit haben, ein leidenschaftliches Plädoyer für Goofys Leben halten zu dürfen. Und dann hätten die Schüler:innen immer noch entscheiden können. Ein wenig wie bei einem Gerichtsprozess. Das wäre für uns eine lebendige Auseinandersetzung mit dem Thema gewesen. Wir wünschen uns Meinungsvielfalt und Diskussion, Perspektivwechsel und Einfühlungsvermögen.

Wir haben übrigens auch zu keinem Zeitpunkt einen Dialog eingefordert, sondern nur immer wieder einen Dialog angeboten und das finden wir nicht übergriffig. Was wir hingegen sehr übergriffig finden ist, einem fühlenden Lebewesen ohne jede Notwendigkeit einen Bolzen in den Kopf zu schießen. Wir verstehen natürlich auch, dass Schule ein geschützter Raum sein sollte. Geschützte Räume finden wir aber vor allem dann besonders schön, wenn niemand in ihnen umgebracht wird.

Wir leben in einer Gesellschaft, in der wir fast alle seit unserer Geburt dahingehend beeinflusst werden zu glauben, dass es natürlich, normal und notwendig sei, Tiere zu töten und zu verspeisen. Wir unterstellen hier also gar keine persönliche oder bewusste Täter:innenschaft im Sinne einer Beeinflussung seitens der Schule oder des Museumsdorfs. Aber ich würde auch vermuten, es gibt kaum Schüler:innen, die sich bewusst dazu entschieden haben, Fleisch zu essen. Und ihnen dann die Pistole auf die Brust zu setzen und zu erklären: “Wenn Ihr Fleisch esst, müsst Ihr aber auch dahinterstehen, dass Tiere getötet werden”, das finden wir der Komplexität und Ernsthaftigkeit der Situation nicht angemessen.

6. Herr Mehnert, Sie beschweren sich, dass der Erdlingshof am Ende anstatt mit Ihnen nur über Sie geredet habe. Warum sind Sie vorher ein Jahr lang nicht auf das Dialogangebot von Herrn Thun eingegangen? 

7. Herr Thun, warum haben Sie sich als Zielscheibe Ihrer Kampagne ausgerechnet einen Bullerbü-Hof ausgesucht mit nahezu optimalen Haltungsbedingungen, auf dem junge Menschen ihren karnistischen Lebenswandel überdenken und vegane Lebensweisen entdecken? Haben wir, was das Tierwohl angeht, nicht wichtigere Baustellen in Deutschland?

Dass wir vom Goofy-Projekt erfahren haben, daran ist Herr Mehnert vermutlich nicht ganz unschuldig. Die Klasse hat sich ja mit einer ganzen Reihe von Medien ausgiebig unterhalten, nachdem sie Goofys Umzug aus dem Zillertal nach Hamburg bewerkstelligt hatte und darüber eine beträchtliche Öffentlichkeit hergestellt. Wir fanden die Geschichte der Rettung, das gesamte Projekt, wie gesagt auch wirklich toll. Nur eben nicht dieses Framing auf Goofy als Nutztier, dessen Bestimmung darin besteht, getötet zu werden. Denn ganz ehrlich, wir mögen es nicht, wenn jungen Menschen das Töten als alternativlose Handlungsoption präsentiert wird.

Gerade dass es sich um einen Bullerbü-Hof handelt, von dem der Museumsleiter ja selber sagte: “Wir verkaufen den Menschen hier eine Illusion”, macht aus unseren Augen das Ganze nicht besser. Die katastrophalen und wirklich bösartigen gängigen Praktiken in der Industrie werden hier kunstfertig ausgeblendet, auch die Schlachtung wird elegant outgesourced. Und es gibt aus unserer Sicht einen ganz fatalen Fehlschluss, den Menschen aus den Erfahrungen im Museumsdorf ableiten können: “Wenn es in Ordnung ist, ein Tier zu töten, dann ist es auch in Ordnung, 800 Millionen Tiere zu töten.” So viele sterben nämlich jedes Jahr in Deutschland.

Mir ist bewusst, dass in der Wunschvorstellung vieler Menschen überglückliche Goofy-Rinder auf wunderschönen Bullerbü-Höfen ein wonnevolles Dasein führen und schlussendlich supersanft per Weideschuss über den Jordan befördert werden. Wie viel Fleisch könnten die 80 Millionen Deutschen dann aber noch in der Woche essen, wenn die Produktion bspw. auf 5 % einbrechen würde? Der  aktuelle Durchschnittskonsum liegt bei rund 1 kg pro Woche. Die Menschen hätten dann also 50 Gramm pro Woche. Diese Rechnung geht nicht auf. Und würde nicht am Ende immer noch die Frage stehen: “Warum sollte ich jemanden umbringen, wenn mir doch die leckersten Alternativen zur Verfügung stehen? Warum das Leben meines Gegenübers beenden, der doch genauso ein Recht hat, in der Welt zu sein wie ich?”

Die Tierausbeutungsindustrie verwendet wirklich irrsinnig viel Geld und Energien darauf, junge Menschen darin zu bestärken, dass Tiere zu töten vollkommen normal und ausgesprochen kulinarisch sei. Darum fand ja auch unsere Landwirtschaftministerin Julia Klöckner, die eigentlich für Tierschutz zuständig sein sollte, oder Lobby-Blätter wie “Agrar Heute” und der “Bauernverband Schleswig-Holstein” das Goofy-Projekt unter Greenwashing-Gesichtspunkten so toll: “Super, wenn Menschen wieder davon träumen können, dass es schon in Ordnung ist, Tiere zu töten, wenn sie so ein gutes Leben hatten!” Wir finden es wichtig, junge Menschen darin zu bestärken, dass sie sich auch generell gegen das System Fleischindustrie entscheiden können: gegen die Brutalität, gegen das Leid, gegen die Umweltzerstörung und die Gesundheitsrisiken.

8. Herr Thun, aber warum ausgerechnet Goofy und nicht Tönnies?

Das System Tönnies ist an Brutalität und Grausamkeit nicht zu überbieten und natürlich waren wir bereits bei Demonstrationen vor Ort und engagieren uns auf verschiedenen Ebenen gegen die dort praktizierte Kaltherzigkeit den Tieren gegenüber. Ganz entscheidend für die Entwicklung des Fleischkonsums werden jedoch die folgenden Generationen sein. Und da wünschen wir uns eine ernsthafte, vollständige und ergebnisoffene Pluralität an Perspektiven.

Wir haben Herrn Mehnert im vergangenen Jahr zum Beispiel angeboten, dass wir eine Kochschulung für die Schulkantine organisieren können! Wir hatten nämlich die Idee, dass an der Schule Freitags ab sofort veganes Essen angeboten werden könnte und zwar unter dem Titel “Fridays for Goofy”. Wir hatten auch angeboten, in Kooperation mit der Organisation “Veganuary” ein richtig tolles Gefühl der Aufbruchsstimmung zu erzeugen, bestenfalls mit dem Ziel, dass wenn eine bestimmte Zahl an Schüler:innen sich dazu entscheidet, fortan den Fleischkonsum deutlich zu verringern oder einzustellen, dass Goofy dann weiterleben darf. Das wäre doch ein tolles Lernziel gewesen! Und dann hätten die Schüler:innen auch voll und ganz erleben können, dass sie mit ihrem eigenen Handeln, mit ihren eigenen Entscheidungen einen Unterschied machen können!

9. Herr Thun, das sind Vorschläge für den Unterricht. Bei der Fridays for Goofy Demo im Dezember vor dem Museumsdorf ging es dann aber nur um Goofy und nicht um die Wurstbude um die Ecke. Scheut der Erdlingshof komplexere politische Konflikte zugunsten einer Kuschelkalbkampagne?

Als ich noch bei der Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt aktiv war, haben wir dazu beigetragen, dass Frau Christina Schulze-Föcking, damalige Landwirtschaftsministerin von NRW, aufgrund eines Tierschutzskandals zurücktreten musste. Wir haben viele internationale Unternehmen dazu bewegen können, sich zu weniger leidvollen Haltungsbedingungen für Masthühner zu verpflichten. Und eine Petition im Bundestag eingebracht, die Anhörung kann man sich hier ansehen.

Goofy hat aber natürlich ganz genauso ein Anrecht darauf, dass wir uns für sein Leben einsetzen, wie jedes andere Lebewesen auch. Goofys Geschichte hatte so viele Presseberichte, in denen überwiegend begeistert und anerkennend über das Projekt berichtet wurde, natürlich wurde Goofy damit auch zum Symbol für die fast 800 Millionen Tiere, die jährlich in Deutschland getötet werden. Im Grunde hat die Klasse das Framing des Museumsdorfs übernommen: “Goofy ist ein Nutztier und wir zeigen jetzt einmal, wie aus Tieren unsere Nahrung hergestellt wird.”  Uns hat die Reflektion gefehlt: “Können wir vielleicht alle zusammen mal kurz innehalten und einen Schritt zurückgehen und uns die Frage stellen, warum Goofy überhaupt ein Nutztier sein soll, dessen Bestimmung darin besteht, getötet zu werden?”

Um offen zu sein, fanden wir es sogar wirklich sehr komplex und herausfordernd, uns für Goofy einzusetzen. Erst über 12 Monate den Dialog zu suchen. Noch während des Shitstorms mit Herrn Mehnert in Verbindung zu bleiben und Unterstützung anzubieten. Die ursprünglich geplante Fridays for Goofy Demo mit 1000 Teilnehmer:innen abzusagen und auf ein verkleinertes Format von 50 Teilnehmer:innen zu skalieren, um zur Deeskalation beizutragen. Ich denke, wir sind einfach ganz glücklich, dass wir jetzt im Dialog sind.

10. Herr Mehnert, haben Sie sich mit Ihrer Bullerbü-Geschichte vor den  Karren der “Fleisch-Lobby” spannen lassen? 

11. Herr Mehnert, aber ist die Schule der richtige Ort, um Lebewesen Gewalt zuzufügen, ihnen sogar das Leben zu nehmen? Würden Sie auf dem Schulhof auch Hirsche und Rehe überfahren, wenn Sie im Unterricht über die 300.000 Wildunfälle pro Jahr in Deutschland sprechen?

12. Herr Mehnert, durch einen Bolzenschuss hätte Goofy eine Gehirnerschütterung sowie Zerreißungen und Quetschungen des Schädels und Gehirns erlitten. Man hätte ihn kopfüber aufgehängt, seine Kehle aufgeschnitten und ihn ausbluten lassen. Haben Sie sich mit den Schüler:innen Videos angesehen, was Goofy bevorgestanden hätte?

13. Herr Thun, ist der Erdlingshof auch ein Ort der Widersprüche?

Der Erdlingshof stellt einen radikal gelebten Widerspruch dar in einer Gesellschaft, die jedes Jahr knapp 800 Millionen Tiere tötet und in der abgetrennte Körperteile von fühlenden Lebewesen zu Dumpingpreisen in fast jeder Supermarkt-Tiefkühltruhe und in zehntausenden von Restaurants und Imbissen zum käuflichen Erwerb angeboten werden.

Obwohl das nicht nur nicht erforderlich ist, sondern über die Grenzen unseres Landes hinaus immensen Schaden anrichtet. Da kommen nun erneut die Interessen der Kinder ins Spiel und wie sie sich nicht nur die Zukunft Goofys, sondern auch ihre eigene und die anderer Menschen auf anderen Kontinenten vorstellen.

14. Herr Thun, Sie beschreiben den Widerspruch nach außen. Wie sieht es mit inneren Widersprüchen aus? Risse im Gefüge des eigenen Weltbildes?

Ich finde es manchmal ein wenig unfair, dass beim Erdlingshof die Menschen so viel arbeiten müssen, während die Tiere das schönste Leben überhaupt führen dürfen 🙂 Aber sonst komme ich auf keine Widersprüche!

15. Herr Mehnert, Sie haben erklärt, mit der Tötung Goofys wollten die Projektbeteiligten sich der schweren Schuld stellen, die wir als Gesellschaft den Tieren gegenüber auf uns geladen haben. Gehört zum Gewahrwerden einer Schuld aber nicht immer auch eine Verhaltensänderung? Ist wirkliches Schuldbewusstsein nicht verbunden mit dem Wunsch, kein weiteres Leid zuzufügen und keine weitere Schuld auf sich zu laden?

16. Herr Thun, sind Veganer:innen die besseren Menschen?

Ich grüße alle Veganer:innen, die beim Lesen der Frage innerlich laut aufgestöhnt haben. Vegan zu leben ist verbunden mit vielen positiven Vorteilen für Tiere, Menschen und Umwelt. Die Massentierhaltung hingegen wird auch als Silicon Valley der Viren bezeichnet und ist einer der verheerendsten Treiber des Klimawandels. Die Grausamkeiten, die wir den Tieren antun, sind mit Worten nicht zu beschreiben.

Ich finde allerdings erstens, dass man nie alle Angehörigen einer Gruppe über einen Kamm scheren sollte. Veganer:innen ebensowenig wie Fleischesser:innen, Angehörige bestimmter Religionen ebensowenig wie Angehörige des LGBTQI+ Spektrums. Beschäftigte des Walddörfer Gymnasiums ebensowenig wie Beschäftigte des Museumsdorfs. Zweitens sind mir Menschen, die sich für etwas besseres halten, prinzipiell unsympathisch. Ich persönlich versuche seit einiger Zeit, meinen Plastikkonsum und meine Bildschirmzeit zu verringern, bin dabei aber leider nur sehr mittelmäßig erfolgreich und falle immer wieder in alte Verhaltensmuster zurück. Ich denke drittens, dass ethisch motivierte Veganer:innen sich gerade nicht als etwas besseres sehen. Deswegen wollen sie nicht, dass für sie fühlende Lebewesen in einer perfektionierten Vernichtungsmaschinerie gezüchtet und getötet werden.  Viertens kann man die Fragestellung auch umdrehen und darüber nachdenken: wie würden wir es finden, wenn eine höher entwickelte Spezies mit uns so umgeht, wie wir heute mit Tieren umgehen? Und ich vermute fünftens: Wären Tiere in der Lage, unsere gesellschaftliche Situation mit der Fleischproduktion und unterschiedlichen Ernährungsweisen zu reflektieren, dann hätten sie eine ziemlich klare Präferenz, wen sie sympathischer fänden.

Aber einmal ganz generell gedacht: Vielleicht sollten wir einfach alle versuchen, nicht besser sein zu wollen als andere, sondern ein klein wenig besser, als wir gestern noch waren?

17. Herr Mehnert, nehmen wir einmal an, Sie wären in diesem Leben nicht als Mensch auf die Welt gekommen, sondern als Stierkalb im österreichischen Zillertal. Hätten Sie sich dann nicht auch gewünscht, dass sich der Erdlingshof für Sie einsetzt?

18. Nun haben Sie, Herr Mehnert, in Ihrem Projekt ja selbst die Grenze zwischen Mensch und Tier verwischt, indem Ihre Klasse über Goofy Gedichte geschrieben, Bilder gemalt und mit ihm Foto-Shootings gemacht hat. Darf man so einen engen Hausgenossen da noch schlachten? Menschen schlachten ja auch ihre Hunde nicht.

19. Herr Mehnert, wenn Goofy tatsächlich getötet worden wäre, hätten Sie und die Schüler:innen von seinem Fleisch gegessen? 

20. Herr Thun, was ist daran achtsamer, ein Rind am Ende mit der Giftspritze zu töten, seinen Kadaver mit einem Bagger abholen und als Sondermüll industriell entsorgen zu lassen, als es einige Jahre früher per Weideschlachtung zu töten und zu essen?

Nun ja, unsere Großeltern erschießen wir ja auch nicht beim Sonntags-Spaziergang und essen sie dann auf. Unsere geliebten Haustiere übrigens ebenso wenig. Wir hatten einen Post für unseren Hunde-Opi Monti, der mich persönlich sehr berührt hat. Er lautete:

“Dich geborgen fühlen, wenn es draußen kalt wird. Ausruhen dürfen, wenn du müde bist. Deine Familie um dich wissen, auch wenn du die Augen schließt.”

Sterben heißt Abschied nehmen und Abschiede sind schwierig, wenn man sich etwas bedeutet: für die, die gehen und für die, die bleiben. Ein vertrautes und sicheres Umfeld ist sicher wertvoll für einen guten Abschied. Ganz wichtig finde ich aber auch, die Selbstbestimmtheit des Abschiednehmenden zu respektieren.

Und es gibt doch auch nicht nur die Optionen Giftspritze oder Bolzenschuss! Viele Tiere beim Erdlingshof erreichen ein hohes Alter und schlafen dann friedlich ein, so wie es sich die meisten Menschen auch wünschen.

Wir würden uns wünschen, dass wir unsere Tiere auf dem Erdlingshof bestatten dürfen, was uns aktuell aber gesetzlich untersagt ist. Daher haben wir auf unserer Website einen virtuellen Friedhof angelegt. Sie haben Recht, dass es sich um ein befremdliches Schauspiel handelt, wenn der Traktor kommt, um ein gestorbenes Tier abzutransportieren. Wir sollten aber auch hier zwischen den Perspektiven differenzieren: für das Tier, das stirbt, sind die letzten Lebenseindrücke wichtig. Das wissen alle, die sich schon einmal von einem Haustier verabschieden musste. Sobald das Tier gestorben ist, nimmt es keine Eindrücke mehr wahr, weder von einem Traktor, noch von einem Abtransport.

21. Herr Thun, sind denn die Tötung von Mensch und Tier vergleichbar?

Ich würde vielleicht als ganz sinnvolle Orientierungshilfe vorschlagen, dass wir zunächst einmal einfach niemanden umbringen, der nicht sterben möchte. Dass wir uns bemühen, niemandem wehzutun. Wir beim Erdlingshof denken: “Die Freiheit des Einzelnen endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt.” Oder wie es Peta2 formuliert hat: “Tiere einfach mal in Ruhe lassen!”.

22. Herr Thun, erfüllt aus Ihrer Sicht eine Schlachtung moralisch den Tatbestand des Totschlages? Ihre Vergleiche und Vorwürfe klingen ja so…

Lieber Herr Mehnert, ich vertraue Ihnen hiermit an, dass ich zuweilen Stechmücken erschlage, die mich attackieren. Ohne danach zur nächsten Polizeiwache zu laufen und mich selbst wegen Totschlags anzuzeigen. Natürlich differenzieren wir. Und dennoch empfinden wir eine ganz große Ablehnung gegen vollkommen grundlose Tötungen. Hätten die Schüler:innen eine kleine Katze oder einen kleinen Hund von der Klassenfahrt mitgebracht, wäre es vollkommen absurd gewesen, diese im Rahmen eines pädagogischen Projekts zu töten.

23. Herr Mehnert, haben Sie das Gefühl, dass Tierrechtsaktivist:innen wie Herr Thun Ihr Projekt wirklich verstanden haben?

24. Herr Mehnert, hatten denn kritische Stimmen innerhalb der Klasse, die der geplanten Tötung kritisch gegenüberstanden, in Ihrem Projekt überhaupt eine Chance, Gehör zu finden? 

25. Herr Thun, lassen Sie uns nochmal über die Demo sprechen. War es im Nachhinein eine gute Idee, von Bayern aus in Hamburg-Volksdorf einzufallen, dem Stadtteil auf Wochen hin Unruhe anzudrohen und gegen zwei renommierte Institutionen zu demonstrieren, ohne vorher ein direktes Wort mit den Protagonisten gesprochen zu haben?

Wir finden auch im Nachhinein, dass es eine gute Idee war, von Bayern nach Hamburg-Volksdorf zu fahren anstatt dies nicht zu tun. Hätten wir uns in Hamburg-Volksdorf nicht persönlich kennengelernt, würden wir ja auch vermutlich heute diesen Dialog nicht führen! Wir haben auch zu keinem Zeitpunkt Unruhen angedroht…

26. Herr Thun, in Ihrer Presseerklärung, schreiben Sie, dass Sie Proteste planen, die Zitat: “Volksdorf in den nächsten Wochen und Monaten ganz sicher nicht zur Ruhe kommen lassen werden.” 

… sondern lediglich angekündigt, dass wir uns auch nach dem Abbruch des Projekts weiterhin für Goofys Leben einsetzen werden. Und uns wurde von verschiedenen Seiten aus der Tierschutzszene mitgeteilt, dass auch sie entsprechende Stellungnahmen von der Politik anfordern werden bzw. friedliche Guerilla-Marketing-Kampagnen planen. Wir sind auch nicht in Volksdorf eingefallen, sondern sind angekommen, haben die Anwesenden des Museumsdorfs freundlich begrüßt und eine friedliche Demonstration abgehalten, für deren umsichtige Durchführung wir von der Polizei positive Anerkennung erhalten haben. Diese war für uns sehr erfolgreich, weil es zu vielen guten Unterhaltungen zwischen Lehrer:innen, Schüler:innen, Mitarbeiter:innen des Museumsdorfs und uns kam.

Zu unserer Entscheidung, dass wir uns dagegen einsetzen wollen, dass Goofy ein Bolzen durch den Kopf geschossen und seine Kehle aufgeschnitten wird, stehen wir nach wie vor voll und ganz. Daher können wir uns auch weitere Demonstrationen vor dem Museumsdorf und der Schule vorstellen. Wir können vielleicht nicht verhindern, dass Goofy getötet wird, aber wir können verhindern, dass Goofy vergessen wird. Wir finden es auch gut, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der die Tötung eines Tieres nicht mehr widerstandslos hingenommen wird. Wobei es für uns selbstverständlich ist, dass wir nur friedliche und gewaltfreie Kampagnen planen.

Und wir hatten uns ja 12 Monate um einen Dialog bemüht. Aber wenn die Projektbeteiligten nicht mit uns kommunizieren wollen, bedeutet das für uns natürlich keinen Hinderungsgrund, dass wir uns nicht für Goofys Leben einsetzen dürfen. Wir leben zum Glück in einer Gesellschaft mit Redefreiheit. Und von der sollten wir Gebrauch machen, wenn es darum geht, fühlende Lebewesen vor Leid zu bewahren.

27. Herr Mehnert, ist der Shitstorm am Ende das Echo einer Gewalt, die mit der Schlachtung dem Projekt von Beginn an eingeschrieben war? 

28. Herr Thun, gemäß Ihrer Webseite verfolgen Sie auch nach Absage der Schlachtung immer noch das Ziel, Goofy aus den Händen seiner jetzigen Halter:innen zu befreien. Was wäre besser daran, wenn Goofy zum Erdlingshof käme anstatt bei einer Schule zu bleiben und jungen Menschen zu helfen, einen achtsameren Umgang mit Tieren zu erlernen?

Goofy hätte beim Erdlingshof ein sicheres Zuhause bis zu seinem natürlichen Lebensende. Das Museumsdorf hingegen hat sehr klar kommuniziert, dass Goofy getötet werden soll, sobald er keinen Nutzen mehr erbringt oder der Umgang mit ihm zu schwierig wird. Es ist für uns wirklich nicht nachvollziehbar, weshalb das Museumsdorf so rigoros und vehement Goofys Tötung einfordert. Goofy hätte beim Erdlingshof auch die Möglichkeit, kontinuierliche Freundschaften zu entwickeln mit den anderen Rindern und allen weiteren hier lebenden Tieren. Beim Museumsdorf hatte Goofy auch einen Freund namens Julius, der allerdings kurz vor unserer Demo getötet wurde, weil er offenbar im Umgang zu herausfordernd für das Museumsdorf war. Es ist vermutlich nur eine Frage der Zeit, bis weitere Freunde von ihm, wie Ulli und Lancelot ebenfalls getötet werden. Wir sehen beim Erdlingshof tagtäglich, wie wichtig Freundschaften für die Tiere sind, Rinder führen Freundschaften über ihr ganzes Leben hinweg, wenn sie die Möglichkeit haben. Goofy hätte bei uns auch die Möglichkeit, jederzeit selber entscheiden zu können, ob er sich im Stall oder im Freien aufhalten möchte.

Davon abgesehen finden wir es natürlich toll, wenn junge Menschen einen achtsameren Umgang mit Tieren lernen. Aber dazu muss man den Tieren doch nicht im Anschluss einen Bolzen in den Kopf schießen. Damit haben wir ein Problem. Es hat sich übrigens noch keine Helikopterfirma bei uns gemeldet, die es sich zutrauen würde, einen so waghalsigen Rettungsversuch umzusetzen wie in diesem tollen Bild von Maf Räderscheidt. Daher wüsste ich nicht, wie wir Goofy aus dem Museumsdorf befreien sollten. Und es ist doch auch klar, dass wir die bestehenden Gesetze befolgen, uns sind die Hände gebunden. Wir können nichts anderes tun, als gewaltfrei unseren Standpunkt zu kommunizieren. Und vielleicht zu einer spontanen friedlichen Sitzblockade vorbeizukommen, sobald wir von einem bevorstehenden Schlachttermin für Goofy erfahren.

29. Herr Thun, ist dann also ab sofort kein Hof mehr vor Ihnen sicher, auf dem noch ein Tier geschlachtet wird?

So ist das wohl im Jahr 2021. Die Kohleindustrie, Flugunternehmen und politische Entscheider:innen sind vor Fridays for Future nicht mehr sicher. Catcaller, Mansplainer und Manspreader sind vor dem Feminismus nicht mehr sicher. Schon Helmut Schmidt sagte: „Eine Demokratie, in der nicht gestritten wird, ist keine.“ Daher werden wir als Erdlingshof uns auch weiterhin friedlich und gewaltfrei gegen das vollkommen unnötige Töten von Tieren in unserer Gesellschaft einsetzen. Es gibt übrigens tolle Unterstützung für tierhaltende Landwirt:innen, wenn sie auf eine vegane Landwirtschaft umstellen wollen.

30. Herr Thun, neigen Tierrechtsaktivist:innen zu Paternalismus, weil sie sich angewöhnt haben, als Fürsprecher:innen für Lebewesen einzutreten, die sich selbst nicht für ihr Recht einsetzen können?

Kein Tier würde freiwillig einen Schlachthof betreten. Sie können es nicht ernsthaft als Paternalismus bezeichnen, wenn wir Tieren dieses Horror-Schicksal ersparen wollen. Begriffe wie “Artgerechte Haltung”, “Tierwohl-Label” oder “Humanes Schlachten” hingegen sind Paternalismus in Reinform. Die Tiere wollen keine Vormundschaft durch den Menschen. Sie wollen frei und selbstbestimmt fliegen, rennen und schwimmen. Sie wollen glücklich sein, genauso wie wir!

31. Herr Thun, schon klar. Wer gibt Ihnen aber das Mandat, für die Tiere zu sprechen?

Das Mandat entwächst aus unserem Mitgefühl. Und ganz offen: Ich denke, dass wir nicht nur das Recht haben, uns gegen Gewalt auszusprechen, sondern dass wir die Pflicht dazu haben. Unsere Spezies verhält sich eigentlich nicht gleichgültig und kaltherzig gegenüber Gewalt und Leid. Begegnet uns jemand in einer Notsituation oder gar Todespanik, möchten wir helfen. Es ist ja auch kein Zufall, dass die Mitarbeiter:innen in den Schlachthäusern so oft Alkoholiker:innen werden, an psychischen Leiden erkranken oder sich überproportional häufig suizidieren.

32. Herr Mehnert, würden Sie denn immer noch sagen, dass Goofy ein Nutztier ist, dessen Bestimmung darin besteht, getötet und verzehrt zu werden? Oder hat sich das bei Ihnen in der Wahrnehmung mittlerweile verändert?

33. Herr Mehnert, der Erdlingshof möchte vermeiden, dass Goofys Leben durch einen Bolzenschuss beendet wird. Was halten Sie von der Idee, Herrn Thun eine Goofy-Garantie zu geben: dass wenn Goofys Leben beendet werden soll, Sie sich noch einmal an ihn wenden und gemeinsam überlegen, ob Goofy auf den Erdlingshof oder einen beliebigen anderen Lebenshof umsiedeln könnte?

34. Herr Thun, was können junge Menschen auf dem Erdlingshof lernen?

Da denke ich spontan an ein Zitat von Arundhati Roy: “Eine neue Welt ist nicht nur möglich, sie ist schon am Werden. An einem stillen Tag kannst du sie atmen hören.” Junge Menschen können beim Erdlingshof ein Gespür dafür bekommen, wie unser Zusammenleben mit Tieren auch aussehen könnte. Sie können verstehen, dass sie selber die Entscheidung treffen, ob sie in veralteten Glaubenssystemen und überkommenen Denkmustern verbleiben wollen oder aber ihrem Fühlen und ihrer Intuition folgen möchten. Wissen Sie, es hat etwas sehr berührendes festzustellen, dass man sich mit einem Huhn oder einem Rind oder einem Schwein ausgesprochen sympathisch sein kann. Dass da von beiden Seiten Interesse und Neugierde ist und vielleicht auch Lust an Neckereien. Wenn wir lernen, uns liebevoll, aufmerksam und zugewandt gegenüber Tieren zu verhalten, dann wirkt sich das glaube ich auch auf unseren Umgang mit anderen Menschen aus. Dass wir die Entscheidungen und Grenzen unseres Gegenübers respektieren, solange diese niemandem schaden.

35. Herr Mehnert, Herr Thun an Sie beide: Wird sich nach dem Gegenwind von Seiten der Tierrechtsaktivisten noch irgendein:e Lehrer:in in Deutschland trauen, das Thema Fleischkonsum anders als nur tierrechtlich im Unterricht anzufassen, wenn er oder sie damit rechnen muss, dass ansonsten Aktivist:innen vor dem Schultor demonstrieren?

Thun: Es gibt viele Möglichkeiten, das Thema Fleischkonsum im Unterricht zu behandeln, ohne einem Tier die Schädeldecke zu zerschießen. Schauen Sie Filme und Dokumentationen zum Thema, lesen Sie Bücher, besuchen Sie Lebenshöfe, laden Sie Tierärzt:innen, Undercover-Ermittler:innen oder ehemalige Metzger:innen in Ihren Unterricht ein. Wir hatten Herrn Mehnert auch den Einsatz von Virtual Reality Brillen angeboten, um sich quasi live in Mastbetriebe und Schlachthöfe zu begeben. Machen Sie als Klasse eine vegane Challenge. Es gibt auch die spannendsten Formate und Gedankenexperimente für passionierte Diskussionen. Wir sind ganz klar der Ansicht, dass das Thema Fleischkonsum unbedingt im Unterricht behandelt werden sollte. Aber dazu müssen wir keine Tiere töten. Letzten Endes scheint das immer zu schrägen Ergebnissen zu führen. Ich würde mich total darüber freuen, wenn die Beteiligten des Goofy-Projekts damit beginnen, einen Teil der Fläche des Museumsdorfs in ein Zukunftsdorf umzuwandeln. So dass Besucher:innen bildhaft vor Augen geführt wird, dass unser bisheriger Umgang mit Tieren keineswegs der einzig denkbare Umgang mit Tieren ist. Wäre das nicht auch sehr viel näher an der Lebenswelt der Schüler:innen?

(Frank Mehnert und Nicolas Thun haben die Fragen selber entwickelt und formuliert, sich aber darauf verständigt, eine fiktive Interviewerin zu entwerfen, die ihnen die Fragen zuspielt.)